Datev: Abschied vom „Preußischen Verwaltungssystem“

Beim Datenmehrwert wird zu kurz gedacht

Eine positive Seite der Corona-Pandemie ist der durch den ersten Lockdown eingeleitete Digitalisierungsschub. Die Ideen der 1980er Jahren von flexiblen Büros und Arbeitsformen fristeten lange ein Nischendasein. Erst die Pandemie macht Arbeiten im Home-Office und Videokonferenzen statt Meetings zum neuen Normal. „Hier haben wir als Wirtschaft und Gesellschaft echt was gelernt“, sagt jüngst Robert Mayr, Vorstands-Chef der Nürnberger Datev. Allerdings wird beim Datenmehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft zu kurz gedacht.

Entsprechend sieht Euphorie auch anders aus. Denn Mayr beklagt exemplarisch die Digitalisierungsprobleme im Bildungsbereich sowie die anhaltend mangelhafte digitale Infrastruktur. Auch die Hürden bei der digitalen Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Bürgern bzw. Wirtschaft ließen viel zu wünschen übrig. „Politik und Verwaltung sind ganz offen gesagt noch immer zu sehr in einem `Preußischen Verwaltungssystem´ verhaftet.“

Deutsche Bürokratie aus Frühphase der Industrialisierung

Für die deutsche Bürokratie sei man in der ganzen Welt über fast zwei Jahrhunderte hinweg bewundert worden. Denn es war ein System, das in einer analogen Welt die richtigen Antworten bot, um Prozesse fehlerfrei und effizient abzubilden, konstatiert Mayr weiter. Hierbei werde jeder Prozess möglichst kleinteilig in Teilschritte mit Kontrollfunktion unterteilt. „Das ist echte Ingenieurskunst aus der Frühphase der Industrialisierung. Aber leider passt dieses System nicht mehr zur schnelllebigen, vernetzten, digitalen Welt von heute.“ Als ein Beleg nennt er die analogen, langsamen Prozesse bei der Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern.  

Bei der künftigen Digitalisierung Deutschlands begrüßt der Datev-Chef den digitalen Geist von „once only“, wie er sisch etwa im geplanten Unternehmensbasisdatenregister zeigt. Allerdings springt der Gesetzgeber aus Mayrs Sicht viel zu kurz. Denn die Daten werden künftig zunächst nur innerhalb der Verwaltungen genutzt. „Damit verpassen wir eine riesige Chance!“ Ihm wäre es lieber – vielleicht auch weil es ein neues Geschäftsfeld für die Datev wäre -, wenn auch die Privatwirtschaft diese hoheitlichen Unternehmensidentitäten in ihren digitalen Prozessen nutzen könnte. „Wenn wir schon neue digitale Strukturen schaffen, dann sollten wir dabei unbedingt mitdenken, wie die Datenströme Mehrwert für alle generieren. Alles andere ist ein Datengrab mit sehr begrenztem Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft.

nue-news: Datev auf Wachstumskurs

Beitragsbild: 2016