Kleine Neurologie des Schenkens

Das weihnachtliche Geschenkebombardement ist überstanden. Der anhaltende Lockdown gibt aber eine willkommene Gelegenheit, über den neurologischen Prozess des Schenkens zu hirnen. Die FAU-Professorin Louisa Kulke für Neurokognitive Entwicklungspsychologie weiß, was beim Geschenkekauf im menschlichen Gehirn passiert und welche Hirnareale beim Schenken aktiv sind.

Ohne Nachdenken keine Geschenkideen

„Der Hippocampus ist ein besonders wichtiges Hirnareal, das wir gleich am Anfang aktivieren: Dort ist das Erinnerungsvermögen angesiedelt“, erklärt Louisa Kulke. „Wir versuchen uns nämlich krampfhaft zu erinnern, ob die zu beschenkende Person vielleicht schon einen Wunsch geäußert hat oder ob sie sich in der Vergangenheit schon einmal über ein Geschenk besonders gefreut hat.“ Aber auch beim Auspacken unter dem Baum ist der Hippocampus noch einmal gefragt: „Schließlich wollen wir uns auch merken, was beim Beschenkten besonders gut angekommen ist – dann haben wir im kommenden Jahr schon nur noch die Hälfte Stress.“

Beim offline- oder online-Schenken ist viel Gehirnschmalz gefragt, weiß FAU-Professorin Prof. Dr. Louisa Kulke Foto: FAU/Georg Pöhlein

Schön schenken will geplant sein

„Der frontale Kortex oder Stirnlappen ist immer dann aktiv, wenn höchste Konzentration gefragt ist, wenn wir planen oder entscheiden müssen“, sagt Louisa Kulke. „Insofern arbeitet er auf Höchsttouren, während wir uns ein besonders schönes Geschenk für unsere Lieben überlegen.“

Mit Empathie schenkt es sich leichter

Der präfrontale Kortex – also der vorderste Teil des Stirnlappen – und der temporoparietale Übergang zwischen Schläfen- und Scheitellappen in der Großhirnrinde werden vor allem dann gebraucht, wenn wir emotionale Prozesse steuern. „Beide Hirnareale sind dafür verantwortlich, dass wir uns in eine zu beschenkende Person hineinversetzen können, quasi versuchen, ihre Wünsche zu erahnen und vorwegzunehmen“, hebt Kulke hervor.

Im Jagdmodus beim Shoppen

Fast jeder hat schon mal vom Fight-and-Flight-System gehört, das uns bei drohender Gefahr je nach Erfolgsaussicht in den Kampf- oder in den Flucht-Modus versetzt. Dieses System greift allerdings auch dann, wenn nur noch ein letztes Exemplar des begehrten Spielzeugs im Regal des Webshops verfügbar ist: „Das Fight-and-Flight-System treibt den Adrenalinspiegel in die Höhe, unsere Muskeln spannen sich an und wir rasen los – ob physisch oder vor dem Bildschirm –, um das ersehnte Geschenk zu ergattern“, meint Louisa Kulke. Dass wir dabei auch zu Gewalttaten bereit sind, will sie freilich nicht bestätigen.

Wenn das Geschenk nicht gefällt

Bei der eigentlichen Geschenkübergabe schlägt die Stunde des anterioren cingulären Kortex in unserem Gehirn: Dieses Hirnareal steuert unter anderem die soziale Evaluation – und das Gefühl, wenn wir uns sozial ausgeschlossen fühlen, in der Clique nicht akzeptiert sind. Kulke: „Beim Auspacken der Geschenke ist der anteriore cinguläre Kortex hochaktiv – nämlich dann, wenn wir herausfinden, ob das Geschenk beim Beschenkten gut oder schlecht ankommt.“

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