Manch ein Handwerksbetrieb scheitert am Generationswechsel oder sperrt einfach leise zu. Im kleinen mittelfränkischen Örtchen Leutershausen wählte die Familie Diezinger mit ihrer Schlosserei Diezinger einen anderen Weg. „Es kann nur einen Chef geben“, erinnert sich Lukas Diezinger, Firmenspross in dritter Generation, an die Einstellung seines Vaters Hans-Jürgen. Und so übergab 2021 der nicht einmal 60-jährige Vater „relativ früh“ die ersten Teile der Firma. Lukas war zu dem Zeitpunkt gerade 21 Jahre alt und hatte an der Maschinenbauschule Ansbach seine Ausbildung zum Industrie- und Feinwerkmechaniker hinter sich.
Die Entscheidung zur Übergabe ist das eine, die Ausgestaltung ist das andere. Lukas Diezinger war damals froh über die Hilfe von außen. „Der Betriebsberater der Handwerkskammer für Mittelfranken hat uns viele Varianten aufgezeigt und uns gut beraten.“ Die Entscheidung mitten in der Coronazeit fiel auf die sogenannte Regel- und Optionsverschonung. Das ist ein steuerlich attraktives Vorgehen, wenn man in den folgenden fünf bzw. sieben Jahren bestimmte, höhere Lohnsummen erreicht. „Das ist aber auch ein heikles Thema, welcher Unternehmer kann schon fünf Jahre in die Zukunft schauen.“
Aber bei den Diezingers scheint auch Veränderungsbereitschaft zur DNA zu gehören. Der Großvater hatte sich Anfang der 1960er Jahre als Landmaschinenmechaniker selbstständig gemacht. Doch mit zunehmender Industrialisierung ging das Geschäft immer weiter zurück. Dafür verlegte sich der Großvater auf Schlosserarbeiten und orientierte sich auf Kunden im gesamten Ballungsraum Nürnberg. Hier macht noch heute Lukas Diezinger gut 90 Prozent seines Geschäfts.
Zunächst nahm der junge Chef ganz andere Aufgaben in Angriff. „Es gab einen größeren Investitionsstau“, weil sich neue Anschaffungen „ohne langfristige Perspektive für den Betrieb nicht lohnen“. Die Investitionen in seinen ersten Jahren lagen bei rund 300.000 Euro im Jahr. Diezinger hatte ein klares Bild vom Stand der Technik, in der Maschinenbauschule wurde mit neusten
computergesteuerten Maschinen unterrichtet. Alles was in der Werkstatt ein Display habe, habe er angeschafft. Die Investitionen habe er überwiegend mit der Hausbank gestemmt, außerdem habe er den Digitalbonus vom Freistaat Bayern in Anspruch genommen. Der fördert kleine Unternehmen, die unter anderem ihre Prozesse und Dienstleistungen digitalisieren. „Andere Fördertöpfe waren viel zu aufwändig.“ Bei einem Filterluftturm habe selbst der Hersteller nicht die technischen Fragen zur Förderung beantworten können.
„Man darf Investitionen nicht fürchten, aber auch den eigenen Betrieb mit seiner Größe nicht überschätzen“, erklärt Diezinger seine Startegie. Er habe sich auch den Maschinenpark in anderen Schlossereien angeschaut, um sich ein Bild vom dortigen Stand der Technik zu machen. Der Mehrwert neuer Maschinen stelle sich allerdings oftmals nicht sofort, sondern langfristig ein.
So hat er beispielsweise in eine automatische Metallsäge investiert, „der Porsche unter den Sägen“. Die Gehrungskreissäge für Profile und Vollmaterial erledigt die Aufgaben selbsttätig – inklusive
Materialnachschub. Um Bauteile zu schweißen entscheidet er sich für einen kollaborativen Roboter, der insbesondere bei Serienteilen seine Effizienz ausspielt. Das alles entlastet die Belegschaft etwa für andere Aufgaben oder puffert Mitarbeiter ab, die in den Ruhestand gehen. Seit 2021 hat sich die Zahl der Mitarbeiter leicht um drei auf 48 erhöht. „Wir haben aber durch die Automatisierung mehr Output.“
Das Geschäft der Schlosserei in Leutershausen, der Heimatstadt des Flugpioniers Gustav Weißkopf mit seinem weltweit ersten motorisierten Flug, ist breit ausgestellt. Jeweils rund ein Viertel entfällt auf den öffentlichen Bau, dem Garten- und Landschaftsbau, dem Geschäft mit Generalunternehmern sowie Arbeiten im Gewerbebau und mit Privatkunden. Obwohl der Konkurrenzdruck steigt und die Preise fallen hat der Handwerksbetrieb ein überdurchschnittlich gutes Auftragspolster von etwa einem halben Jahr.
Mit seinem neuen 3D-Scanner vermisst es mittlerweile exakt vor Ort einen Rohbau, um mit den Daten zu planen und Übertragungsfehler zu vermeiden. Zudem hilft das eigene Statikbüro Planungen schneller abzuarbeiten. Erste Erfahrungen hat er mit einem digitalen BIM-Projekt (Building Information Modelling) und dem kommunikativen Austausch-Format IFC (Industrie Foundation Classes) gesammelt. „Das ist das Bauen der Zukunft“, ist er sich sicher. Bei dem Projekt wurde mit Modulcontainern eine Schule aufgebaut. Für seinen Betrieb gab es kleine Zeitfenster, um etwa die Fluchttreppen in die bereits vorgefertigten Löcher zu montieren. Diese Komplexität lasse sich konventionell nicht so exakt steuern.
Dass Diezinger bei subventionierten Strompreis nicht dabei, den die Politik für stromintensive Unternehmen im internationalen Wettbewerb vorsieht, nicht dabei ist, nimmt er gelassen. Er hat ausgiebig in eine PV-Anlage investiert, auch um beim Feuerverzinken oder Pulverbeschichten besser abzuschneiden. Schon in Anschaffungsjahr 2025 konnte er 60 Prozent seines Strombedarfs selbst decken. In spätestens zehn Jahren, so sein Blick in die Zukunft, könne er „relativ autark“ arbeiten.
