Im Süden vom Nürnberger Stadtteil Zerzabelshof entsteht ein spannendes Wohnprojekt. Dort übernachteten einst die Arbeiter für das nahe Reichsparteitagsgelände. Eines der riesigen Häuser hat nun die Hausprojektgruppe Regen406 – in Anlehnung an die Hausnummer in der Regensburger Straße – von der Stadt Nürnberg gekauft. Nach 17 Jahren Leerstand beginnen nun die Sanierungsarbeiten. Hinter dem Projekt stehen die Ideen von nachhaltigem Wohnen, Wirtschaften und Leben. Das wollen die 17 Erwachsenen mit 8 kleinen Kindern und einem Hund realisieren.
„Zum einen ist es absurd, dass das Haus in Zeiten knappen Wohnraums seit vielen, vielen Jahr leer steht“, sagt Jana Stadler von der Projektinitiative. „Zum anderen muss bezahlbaren Wohnraum für alle geschaffen werden.“ Geht das Konzept auf, stehe das Gebäude für bezahlbaren Mieten – sowohl für sie als auch für künftige Generation.
Das Projekt vereint 17 Erwachsene, acht kleine Kinder und einen Hund, ergänzt Mitinitiator Lorenz Herrmann. Vor drei Jahren haben sie das riesiges Objekt mit einer Fläche von rund 1.000 Quadratmetern Wohnfläche aus dem Jahr 1939 aufgespürt. Dann begannen „langwierige, aber wohlwollende Verhandlungen“ mit der Stadt Nürnberg als Eigentümerin über einen Kauf. Am Ende lief es auf eine Erbpacht hinaus, um den Leerstand zu beenden. Im Dezember 2025 kaufte Regen406 das denkmalgeschützte Haus für 1 Euro.
Das Haus ist Teil eines großen Ensemble, das einst im Dritten Reich Rüstungsminister und Architekt Albert Speer entworfen hatte. Neben einem Hauptgebäude dienten sieben Nebengebäude als Unterkunft für die damalige Deutsche Arbeitsfront. Verschleppte Fremd- und Zwangsarbeiter wurden in dem sogenannten Gemeinschaftslager untergebracht, um für den Bau des benachbarten Reichsparteitagsgelände zu schuften. In ihrem neuen Haus, so Herrmann weiter, waren unter anderen auch Obdachlose untergebracht, es diente als Lagerfläche und fiel dann in einer Art Dornröschenschlaf.
Dass es die Gruppe mit ihrer alternativen Wohnform bereits so weit geschafft hat, ist für Herrmann keine Selbstverständlichkeit. Er selbst hat allerdings schon reichlich Erfahrung gesammelt. Mit fünf weiteren Gleichgesinnten hat er zuvor das alternative Wohnprojekt „Krähengarten“ im Westen Nürnbergs realisiert. Doch nun braucht er für seine kleine Familie mehr Platz. „Ein klassisches Eigenheim wollten wir uns nicht anschaffen.“
Stattdessen findet sich eine Gruppe unter anderem mit Architekten, Psychologen, Stadtentwickler und Nachhaltigkeitsmanager, die nicht nur anders und gemeinsam wohnen wollen. „Wir haben die Vision vom bezahlbaren Wohnen für Alle statt Immobilienspekulationen“, unterstreicht Herrmann. Es gehe auch um Nachhaltigkeit und Ökologie, neue Gebäude seien in ihrer Herstellung ein großer CO2-Emitttent. Daher müsse man im Bestand das Wohnen weiterentwickeln. „Wir zeigen mit diesem Leuchtturmprojekt, dass es geht.“
Trotz des symbolischen Kaufpreises hat die denkmalgerechte Sanierung bis hin zu den Gemeinschaftsräumen ihren Preis. Von den 2,4 Millionen Euro kommt die Hälfte als Förderkredit zur energetischen Sanierung von der KfW-Bank. Für den Rest werden Direktkredite von Unterstützern, Freunden und Familie gebraucht. „So sind bereits weitere 850.000 Euro zusammengekommen.“ Mitstreiterin Stadler ergänzt: „Die Direktkredite sind superwichtig und wir bieten eine lokale und nachhaltige Geldanlage für soziale Mieten.“ Diese privaten Geldgeber können ihren Kreditzins selbst zwischen 0,0 und 2,0 Prozent festlegen, den das Projekt dann abstottere. Bisher verlangen die Geldgeber etwa zwischen einen halben und einem Prozent. Jetzt fehlt nur noch grünes Licht für den Bauantrag, dann können die Handwerker loslegen.
Syndikat sichert Bestand
Rechtlich gehört das Haus der Regen406 GmbH. Die Projektgruppe verwaltet sich selbst in einem Hausverein. Diesem Verein gehört auch die Immobilie. Zusätzlich bekommt auch das Mietshäuser Syndikat aus Freiburg eine Minderheitsbeteiligung an der Immobilie. Sie verhindert so, dass das Objekt zurück auf den freien Markt kommt und zum Spekulationsobjekt wird. Dieses Syndikat ist eine Art bundesweite Dachorganisation für solidarisches Wohnen und vernetzt und berät die einzelnen Projekte. Wenn ein einzelnes Projekt mal in Schieflage gerate, „können wir überbrücken“, sagt Jochen Schmidt, einer der Geschäftsführer des Freiburger Mietshäuser Syndikats. Bundesweit sind bereits mit Hilfe des Syndikats über 210 Projekte realisiert worden. „Die Menschen sind total verschieden, vom Punker bis zum Rechtsanwalt. Das Alter reicht von Null bis 80 Jahre oder älter.“
Weitere 20 Projekte sind im Aufbau, alle Hausvereine sind gegründet und Mitglied im Mietshäuser Syndikat. Dort wird ebenfalls „in einem langwierigen Prozess entschieden“, ob sich das Syndikat finanziell beteiligt. Das dauere üblicherweise schon mal ein Jahr, nicht jedes Objekt ist so günstig zu haben, wie das von Regen406. Seit zwei Jahren hat das Syndikat auch eine eigene Stiftung. Dorthin können Eigentümer per Schenkung oder Testament ihre Immobilie vererben.
Einmal im Monat lädt das solidarische Wohnprojekt zu einer Infoveranstaltung ein. Termine und weitere Infos unter: www.regen406.de
