Die geopolitischen Verwerfungen und der Abschied vermeintlicher Gewissheiten eröffnen im Schatten der US-Politik für Unternehmen auch neue Möglichkeiten. Der Konflikt zwischen Kanada und Trumps USA spitzt sich weiter zu. Die EU-Präsidentin Von der Leyen bot Kanada heute eine nicht näher definierte „assoziierte Mitgliedschaft“ an. Auf jedem Fall wolle man in den Bereichen Energie, Künstlicher Intelligenz, seltene Rohstoffen und Verteidigung die Kräfte bündeln. Die EU steht grundsätzlich nur europäischen Ländern offen. Kanadas Ministerpräsident Mark Carney hatte die US-Zölle nicht stillschweigend hingenommen, sondern mit eigenen Zöllen in gleicher Höhe geantwortet. Dabei ist die kanadische Wirtschaft eng mit dem riesigen Nachbarn verflochten. Trump hat noch einmal nachgelegt und will symbolträchtig den Ontario-See in Lake America umbenennen. Missfallen hat Trump auch über Carneys Auftritt im Europäischen Parlament geäußert. Er drohte auch der EU mit harten Handelsbeschränkungen.
Schon Anfang des Jahres hatte Carney für die elftgrößte Volkswirtschaft die Parole „Kanada first, aber nicht allein“ ausgegeben. Der neue Kurs setze auf „strategischen, politischen und wirtschaftlichen Wandel – eng verbunden mit einer Abkehr der Abhängigkeit von den USA“, erklärte jüngst Lucie Schuster. Sie ist Senior Project Manager, Consulting Services bei der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer, AHK Kanada und stellte beim Webinar „Markteinstieg Kanada – Ihre Chance für internationales Wachstum“ das vielfältige Potenzial vor.
Das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde ist mit 41,1 Millionen Einwohnern ziemlich dünn besiedelt, überwiegend in einem 100 Kilometer langen Streifen entlang der US-Grenze. Diese südliche Ausrichtung schlägt sich auch im Auslandsgeschäft nieder. Zuletzt gingen über 72 Prozent der Exporte in die USA, Deutschland liegt mit gut 1,2 Prozent auf Rang 6. Auch beim Import dominiert die USA mit gut 46 Prozent, Deutschland rangiert mit 3,2 Prozent auf Platz 4. Vor diesem Hintergrund, so Schuster wende Kanada für mehr Diversifizierung seinen Blick verstärkt nach Europa und dem Indopazifik.
Mit Strategie auf neue Wege
Dafür hat Kanada im letzten Jahr eine klare Strategie auf den Weg gebracht. Das neu geschaffene Major Projects Office bündelt Zuständigkeiten, um Vorhaben von nationalem Interesse an Investitions‑ und Beschaffungsentscheidungen zu beschleunigen. Die Bundesbehörde ist mit einem Budget von 125 Milliarden kanadischen Dollar ausgestattet, um zunächst 15 Projekte voranzutreiben. Dazu zählen unter anderem eine LNG-Pipeline für das erdölreiche Land, der Abbau von Seltenen Erden oder die erste kanadische Hochgeschwindigkeitsbahn. Weitere identifizierte sogenannte Global Innovation Clusters sind Künstliche Intelligenz & Digitale Schlüsseltechnologien (Canada-Germany Digital Alliance), Wasserstoff, Kritische Mineralien und Verteidigung – gemäß der Selbstverpflichtung der NATO-Länder. „Made in Germany hat hier einen hohen Stellenwert“, berichtet Schuster weiter. Gerade deutsche Qualität genieße nach wie vor einen hohen Stellenwert. „Deutsche Unternehmen, die in diesen Bereichen unterwegs sind, gehören zu den politisch priorisierten Partnern.“
Das systematische Vorgehen illustriert Schuster am Beispiel Cleantech und Erneuerbare Energien. So will sich Kanada bis 2030 mit 90 Prozent aus erneuerbaren und emissionsfreien Energiequellen versorgen. Bis 2035 müssen Drei Viertel aller Neuwagen elektrisch sein. Für Investitionen in Cleantech winkten zudem Steuergutschriften.
Die Attraktivität des nordamerikanischen Landes für Investitionen aus Bayern liegt für Schuster unter anderem in der hohen Kaufkraft, einer ähnlichen Mentalität und Geschäftspraktiken wie in Europa, ein stabiles Bankensystem und hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Insgesamt gibt es 15 Freihandelsabkommen mit 51 verschiedenen Ländern und einer Bevölkerung von rund 1,5 Milliarden Kunden. Als einziges Land gibt es Freihandelsabkommen mit allen anderen G7-Staaten. Das CETA-Abkommen mit der EU wird bislang allerdings nur vorläufig angewendet. Die Ratifizierung in allen Mitgliedsländern steht noch aus.
Beitragsbild: Tjiang / KI Claude
