Das Herzstück der Nürnberger da Vinci Künstlerfabrik Defet ist bis heute die Manufaktur. In dieser Künstlerpinselmacherei sitzen Meisterinnen wie Julia Hartmann, Gesellen und auch Lehrlinge in ihre Arbeit vertieft. Wie vor 200 Jahren hat sich an den acht handwerklichen Arbeitsschritten zur Herstellung eines Pinsels nichts geändert. Mit erprobten Griff werden die Tierhaare in einem kleinen Metallköcher auf eine einheitliche Länge gebracht. Dann mit einer Fadenschlinge binden und mit den Zähnen stramm halten. Schließlich nochmals umbinden und in einer Metallhalterung verkleben und auskämmen. Diese Handarbeit gilt als das wesentliche Qualitätsmerkmal eines guten Künstlerpinsels.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal sind die Rotmarderhaare. Rotmarder sind keine Tiere sondern eine Handelsbezeichnung für die Haare unterschiedlicher Wiesel. Die Haare des sibirischen Feuerwiesels werden nicht nur mit der Goldwaage portioniert. Auch der Preis liegt praktisch auf Goldniveau. Aber auch Schweineborsten, Feinhaare von Dachs, Ziege oder Eichhörnchen kommen zum Einsatz. Bislang ist es nicht gelungen, Kunstfasern mit den absolut gleichen Eigenschaften beim Aufnehmen von Farbe und Malen nachzubilden.
Rund 2.300 verschiedene Pinsel der Marke da Vinci gibt es im Programm. Rein theoretische Sortimentsbreite liegt bei über 10.000 Varianten. Die alljährlich sechs Millionen produzierte Pinsel werden aber nur zum kleinen Teil in der Manufaktur hergestellt. Auf der gleichen Etage gibt es auch noch eine automatisierte Fertigungsstraße mit eigenen im Sonderbau konstruierte Maschinen. Denn Pinsel ist nicht gleich Pinsel. Allein für Aquarell und Öl gibt es eine riesige Auswahl an Größen, Formen und Material. Das zweite, deutlich kleinere Standbein sind Kosmetikpinsel. „Corona hatte uns mit der Aquarellmalerei einen kleinen Boom beschert“, berichtet der langjährige Geschäftsführer Hermann Meyer. Dafür sei das Segment Kosmetik bis auf Lippenschminke im Homeoffice praktisch tot gewesen.
Dafür hat die Pandemie für neue Trends gesorgt. Tabletop Miniatures sind eine Art Zinnfiguren der Moderne. „Das ist ein Milliardenmarkt“, ergänzt Mitgeschäftsführer Julian Rottner Defet. „Da geht es um ganze Spielewelten und Schlachten mit Orks und anderen Fantasiefiguren.“ Dafür sind kleine abgewinkelte Pinsel gefragt, um auch die Rückseite eines Kampfschildes präzise zu bemalen. Für einen besonderen Alterungseffekt sind spezielle Drybrush Pinsel gefragt, um mit der Trockenbürst-Technik Farbe aufzutragen.
Zudem gibt es immer wieder spezielle Anfragen aus der Industrie. Die Luft- und Raumfahrtbranche benötigt spezielle Pinsel, um Klebstoffe aufzutragen. Chiphersteller reinigen ihre Sensoren, ein Prozess, bei dem kein Pinselhaar verloren gehen darf.
„Wir haben als Innovation die neue Produktgruppe Pinselstecksystem.“ Damit unterstreicht der dritte Geschäftsführer Tobias Meyer, Sohn von Hermann Meyer, das Engagement, an immer neuen Lösungen zu tüfteln. Bei dem Stecksystem lässt sich der Pinselkopf mit einem Klick entfernen und im Pinselstiel unterbringen. Das macht das Malequipment leichter und ist für unterwegs gut geeignet. Immerhin hat sich auch in Nürnberg eine Urban Sketching Szene etabliert, ein Trend der vor 15 Jahren in den USA entstanden ist. Offene Malgruppen treffen sich in der Natur, Museen oder Sehenswürdigkeiten, um Motive und Atmosphäre skizzenhaft einzufangen und dann zu kolorieren.
Solche Neuheiten sind wichtig, denn der Wettbewerb ist hart. Die Pinsel- und Bürstenmacherregion Bechhofen hat sich abseits des Künstlerbedarfs positioniert. Aber zusätzlich zu den Wettbewerben aus Europa drängen Billiganbieter etwa aus Fernost oder der Dominikanischen Republik auf den Markt. Die profitierten von günstigen Material sowie geringen Personal- und Energiekosten und könnten im Discounter zehn Pinsel für zwei Euro anbieten. „Für den Preis bekomme ich hier noch nicht einmal die Pinselstiele“, zeigt Tobias Meyer die unterschiedlichen Ausgangslagen auf. Das Sortiment da Vinci Künstlerpinselfabrik beginnt bei 1,30 Euro und endet etwa bei 3.400 Euro.
„Unser Erfolgsrezept heißt Marke und Qualität“, stellt Julian Rottner Defet klar. Seit 50 Jahren hat etwa die da Vinci-Linie Nova die gleichen Lieferanten, um den erarbeiteten Ruf nicht zu gefährden. „Das belohnt der Markt“, flankiert Hermann Meyer, Jahrgang 1959. Hansfried Defet holte ihn 1985 als jungen Diplom-Kaufmann mit in die Geschäftsführung. Der habe seinen Anspruch an das Künstlerhandwerk so auf den Punkt gebracht: Man muss jedem Pinsel einen Abschiedskuss geben.
Defets Großneffe Julian Rottner Defet, Pinselmachermeister und Jahrgang 1989, begann 2014 seine Laufbahn im Betrieb. Wirtschaftsinformatiker Tobias Meyer, Jahrgang 1990, ist seit 2019 in der Geschäftsführung. Er habe aber schon als Kind und Ferienarbeiter den Betrieb lieben gelernt. Beide stehen für die vierte Generation und treiben mit der Erfahrung von Hermann Meyer als Trio die Geschäfte voran. Meyer Senior denkt zwar an den Generationswechsel: „Ich habe aber noch zu viel Spaß an der Arbeit um aufzuhören.“
Das ist nicht ganz einfach, weil der Fachhandel für die erklärungsbedürftigen Premiumprodukte schrumpft. Dafür zeigt man auf Instagram, Youtube und TicToc Flagge und baut Markenbotschafter auf. Intern wurde mit einem Anbau mit 4.000 qm die Firmenfläche gut verdoppelt. Das 12 Mio. Euro-Projekt ist seit letzten Jahr fertig und bietet nun mehr Platz für Produktion, Lager und Logistik. Neben neuer Absauganlage gibt es nun auch Photovoltaik auf dem Dach und Geothermie aus dem Boden. Die Fuhrpark wurde bereits mit eigenen Ladesäulen fast komplett auf Elektro umgestellt. Neu ist auch ein moderner Event- und Tagungsraum, der auch anderen Unternehmen für Meetings zur Verfügung steht.
Im vergangenen Jahr kam die traditionsreiche Künstlerpinselfabrik auf einen Umsatz von 13 Mio. Euro. Für 2026 wird ein Umsatz von 13,5 Mio. Euro angepeilt. Zwei Drittel des Geschäfts werden in insgesamt 80 Länder exportiert. Die Zahl der Beschäftigten liegt stabil bei 130 Mitarbeitern, zu den drei Azubis kommen zum neuen Lehrjahr weitere drei.
Die Firmengeschichte ist untrennbar mit Hansfried Defet verbunden, Er übernahm 1945 als 18-Jähriger den väterlichen Betrieb, weil der nicht vom Zweiten Weltkrieg zurückkehrt. Der Vater hatte in den 1930er Jahren einen Betrieb für Anstreicherpinsel, Patentbürsten bis zu Rasierpinseln übernommen und die Fritz Defet Pinselfabrik begründet. Die Firmenwurzeln reichen aber wohl bis 1890 zurück. Hansfried Defet folgt dem Impuls seiner künstlerisch versierten Frau Marianne, sich mit einer neuen Fabrik auf Künstlerpinsel im gehobenen Marktsegment mit den besten Pinsels der Welt auszurichten. 1952 wird das Warenzeichen „Leonardo da Vinci“ für Pinsel als Marke eingetragen. Aus der damals neuen Fabrik wurde 2006 das Atelier- und Galeriehaus Defet, das mittlerweile zur Marianne und Hans Friedrich Defet Stiftung gehört. In diesem Jahr wären Marianne und Hans Friedrich Defet 100 Jahre alt geworden. Zugleich wird das Marianne-Defet-Malerei-Stipendium heuer zum 30. Mal vergeben.
