Es hat sich einiges gewandelt. Vor der russischen Invasion in der Ukraine und der Zeitenwende bewegte sich die Rüstungsbranche eher im Schatten der Öffentlichkeit. Das hat sich radikal gewandelt, wie auch auf der Nürnberger Enforce Tac 2026, Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung, zu sehen war. Diehls Raketenabwehrsystem IRIS-T wird genauso selbstbewusst präsentiert, wie das unbemannte E-Bodenfahrzeug von Quantum Systems. Das Gleiche gilt für das neue Gewehr von Heckler & Koch, das G36 mit 750 Schuss pro Minute. 250.000 gehen laut Rahmenvertrag allein an die Bundeswehr. Auf der Rüstungsmesse spricht man allerorten lieber von Defence, aber das Selbstbewusstsein der mittlerweile rund 1.300 Aussteller ist groß.

Diese Entwicklung war 2011 nicht abzusehen. Damals kündigte die NürnbergMesse die kleine Sonderschau Law Enforcement, Security and Tactical Solutions an. Das ganze war als Behördentag und Anhängsel der Jagd- und Sportwaffenmesse IWA konzipiert. Doch der kriegerischer Terror Russlands und die dominante Rolle von Drohnen im militärischen Einsatz sorgen auf Aussteller- und Besucherseite für reges Interessen. Immerhin sollen rund 80 Prozent der Toten bei der vermeintlichen Spezialoperation Opfer von Drohnen sein. Zudem wirft der erratische US-Präsident als NATO-Schwergewicht existenzielle Fragen der europäischen Verteidigungsfähigkeit auf. Und schließlich drängen insbesondere Mittelständler aus der Automotive-Zulieferindustrie angesichts des Abgesangs auf den Bauteil-intensiven Verbrenner in den milliardenschweren Wachstumsmarkt. Heute präsentiert sich die Enforce Tac auf über 60.000 Quadratmetern in sieben Hallen ein riesiges Spektrum an Wehrtechnik und Personenschutz. Das begleitende Fachforum rückt etwa elektronische Systeme, Sensorik, Drohnenabwehr, intelligente Systeme und Munitionsbeschaffung in den Fokus.
Das Drohnensegment ist von kontinuierlichen Innovationssprüngen gekennzeichnet. Am Messestand von Aaronia, ein weltweiter Spezialist zur Drohnenabwehr, ist von einem „Hase-und Igel-Wettlauf“ die Rede. Man setze auf eine „passive Detektion“, um den eiegenen Standort nicht zu verraten. Dafür würde jede elektronomagnetische Veränderung mit Sensoren und Peilung erkannt, die zuvor nicht da war. Ziel sei es, feindliche Drohnen zu orten, zu stören und zu übernehmen. Außerhalb des Schlachtfeldes, etwa an zivilen Flughäfen, könnte zusätzlich auch Radar zum Einsatz kommen.
Der Weg für Mittelständler in das Verteidigungssegment sei nicht ganz einfach. Gerade mit Blick auf die Ukraine, „dort ist die Bürokratie noch größer als in Deutschland“, brauche es einen langen Atem. Das betont Cathrin Wilhelm, Gesellschafterin von Avilus und Vorstandsmitglied beim Branchenverband BDSV. Das Geschäft könne man nicht mit ein paar E-Mails anbahnen, sondern verlange Präsenz vor Ort.
Auch bei der Beschaffung der Bundeswehr herrscht anders als im normalen Geschäftsleben ein anderes Tempo. „versuchen Sie gar nicht erst, diesen Beschaffungsprozess zu revolutionieren“. Wer Teil der deutschen Sicherheits-und Verteidigungsindustrie werden wolle, brauche Kapital und Zeit. Der Zugang zu militärischen Aufträgen ist gerade für kleine un dmittelständische Unternehmen eine Herausforderung. Zu den Sicherheitsbestimmungen gehört beispielsweise auch die Überprüfung von Mitarbeitern, eine entsprechende Zertifizierung, und auch resiliente Lieferketten.

NürnbergMesse will führende Rolle
Für den Ausbau der Enforce Tac hat sich die NürnbergMesse als Veranstalter in eine gute Position manövriert. Denn etwa auch die Düsseldorfer XPONENTIAL und die Wehrtechnische Ausstellung in Berlin wollen vom milliardenschweren Verteidigungsetat profitieren. Von daher ist die Schirmherrschaft von Bundeskanzler Friedrich Merz einem unterstützendes Signal. Noch wichtiger ist die ideelle Trägerschaft vom BDSV, die kurz vor Messestart bekannt gegeben wurde. Die Partnerschaft setzt ein starkes Signal für die Enforce Tac als Zukunftslabor für Europas Sicherheit und die wachsende Bedeutung des Verteidigungssektors. „Unsere Welt ist dynamischer und komplexer denn je“, erklärt Roland Haag, Geschäftsführer des BDSV. „Digitalisierung, globale Lieferketten, kritische Infrastrukturen, urbane Räume, aber auch neue Formen der Kriminalität und hybrider Bedrohungen verlangen von uns ein völlig neues Verständnis von Sicherheit.“
