Dass Pinar Aydin ihren Mann im Handwerk steht, daran lässt sie keinen Zweifel. 2020 begann die alleinerziehende Mutter zweier Töchtern mit ihrem Gebäudereinigungsdienst Elite Dienstleistungen. Hauptberuflich arbeitete sie allerdings noch als Verfahrensmechanikerin bei einem internationalen Industriekonzern im Bereich Kunststoffverarbeitung im mittelfränkischen Ansbach. Von dort winkte dem „1-Frau-Betrieb“ auch ein Auftrag zur Reinraumreinigung, erinnert sich Aydin. Sie verkauft kurzerhand ihr Auto, um das Geld für eine Reinraum-Zertifizierung aufbringen zu können und startet durch.
Sie profitiert davon, dass ihre Kunden zufrieden mit ihrer Arbeit sind und sie weiterempfehlen. Dabei kommt ihr auch zu Gute, dass sie als Verfahrensmechanikerin weiß, wie man Maschinen am besten reinigt.
Angst vor neuen oder großen Aufgaben kennt sie nicht. Mit einem gewissen learning by doing tastet sie sich im Geschäft vor. Als nach einem Unwetter das Glasdach kaputtgeht und die Produktion darunter mit Glasscherben verschmutzt ist, wirft sie ihren Hut in den Ring. Sie sei schneller und besser als die Spezialfirma, die die Versicherung ausgesucht hat. Über Nacht trommelt sie eine 25-köpfige Mannschaft zusammen und schafft die Arbeit einen Tag schneller als geplant.
Zwei Jahre nach Gründung beschäftigt Aydin 20 Mitarbeiter und hängt ihren Industriejob an den Nagel. Bei Bedarf holt sie sich Verstärkung von Subunternehmen oder sucht sich Experten, die ihr bei neuen Aufgaben helfen. „So habe ich bei jedem neuen Auftrag schneller gelernt, wie etwas gemacht wird“, sagt die 43-Jährige etwa mit Blick auf die damals für sie neue Baustellenreinigung. Sie lässt sich auch von der Handwerkskammer für Mittelfranken begleiten. „Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich es nicht geschafft,“ sagt sie über ihren Betriebsberater. Der begleitet sie auch bei der Umwandlung der Firma in eine GmbH, die heute ihren Sitz in einem revitalisierten Industriebau im Örtchen Heilsbronn hat. „Du musst Entscheidungen treffen“ – dieser Satz von ihm ist ihr noch heute gut präsent.
Gegen kulturelle Widerstände
Mit Entscheidungen und sich Durchbeißen kennt sich Aydin gut aus. In Deutschland geboren ziehen ihre Eltern als sie ein Jahr alt ist zurück in deren Heimatland Türkei. Als ihr Vater früh verstirbt, zieht ihre Mutter zurück ins Fränkische. Mit 17 Jahren arrangiert ihre Familie eine Hochzeit mit einem Mann aus der Türkei, der kein Deutsch spricht. „Es war eine schwierige Situation mit dem muslimischen Hintergrund.“ Ihr Mann arbeitet nicht, sie verdient das Geld als Kinderpflegerin, geht zusätzlich noch putzen, um über die Runden zu kommen. Ihre Leidenschaft für Handball gilt daheim als unstatthaft für eine türkische Frau. Mit einem Kind und einer weiteren Schwangerschaft lässt sie sich scheiden und fällt bei der gesamten Familie in Ungnade. Sie kämpft sich ohne Unterhalt durch.
Heute ist sie stolz und glücklich: „Meine Töchter sehen mich als Vorbild.“ In der Schule kommt sie allerdings nicht so gut weg, denn ihr enger Zeitplan lässt ihr kaum Luft, auch mal zum Elternabend oder zum Sommerfest zu kommen. Dafür bestätigt sie andere Frauen mit Migrationshintergrund, die in ähnlichen Situationen Angst vor der familiären Trennung haben.
Handwerk für Frauen
Aktuell beschäftigt sie 65 Mitarbeiter, davon zwölf in Vollzeit. Von der „alten Denke, Handwerk ist nur für Männer“, die gerade im ländlichen Raum noch weit verbreitet ist, hält sie nicht viel. Frauen hätten mehr Geduld sowie bessere Problemlösung und Mitarbeiterführung. „Aber ich bin auch nicht immer nur nett“, räumt sie selbstkritisch ein.
Bei ihrer Mitarbeitersuche gibt sie lieber Frauen den Vorzug. Bei Männern mit ausländischen Wurzeln komme es immer wieder mal zu Machtkämpfen – eben weil sie eine Frau ist. Mit Vollzeitkräften ist sie zufriedener: „Die wollen arbeiten, um viel Geld in die Heimat zu schicken.“
„Ich möchte mit meinem Handwerk glänzen“, lautet ihre Devise. Mit diesem Anspruch hat sie sich in immer weitere Arbeitsgebiete eingearbeitet. Sie macht Sonder- und Jahresreinigungen, hat etwa Schwimmbäder mit ins Programm aufgenommen. Außerdem hat sie sich auf Epoxidharzböden spezialisiert und ein Spezialfahrzeug für die Fensterreinigung angeschafft. Ihre Weiterbildung zur Gebäudereinigermeisterin hat sie 2024 erfolgreich begonnen. Die für 2025 geplanten Module hat sie allerdings verschoben, das Tagesgeschäft und eine fehlende Bürokraft habe sie ausgebremst. Das sie ihren Handwerksmeister schafft, daran lässt sie keinen Zweifel. „Ich stehe für Frauenpower und arbeite für niemand anderen mehr.“ Das treibe sie weiter an. Und ganz nebenbei baut sie den Vertrieb von Hygieneartikel für Firmen auf – mit ihrer eigenen Marke Elite Dienstleistungen.
